Zeitreise: Magazin-Covers zeigen anderen Iran

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veröffentlicht auf KURIER.at am 7.5.2012.

Eine Facebook-Page veröffentlicht alte iranische Magazin-Covers und macht so auf den kulturellen Wandel durch das islamische Regime aufmerksam. Zur Bildergalerie geht es hier.

Freizügig gekleidete Frauen, westliche Mode frisch aus Paris und Reportagen über die berühmtesten Fallschirmspringerinnen des Landes. Kaum jemand stellt sich hierzulande so die Inhalte iranischer Frauenmagazine vor. Dass die gesellschaftliche Situation für Frauen im Iran vor nicht allzu langer Zeit anders war als heute, zeigt unter anderem eine Facebook-Fanpage, die Magazin-Covers aus der Zeit der Weißen Revolution (Liberalisierung unter Schah Mohammed Reza Pahlavi 1963-1979) veröffentlicht.

Shabnam (57) und ihre Tochter Nooshin (32)*, zwei Wienerinnen, die 1985 aus dem Iran emigriert sind, erinnern sich an die Zeit vor der islamischen Revolution und wie die Magazine die damalige Gesellschaft widerspiegeln. „Die Zeitschriften enthielten damals auch oft Schnittvorlagen, nach denen man sich die neueste Mode nachschneidern konnte. Meine Familie stammte aus der Mittelschicht, ich konnte mir also keine Designer-Mode leisten, aber selbst nähte ich mir die Imitate, das war gar kein Problem,“ erzählt Shabnam. „Maxijupe oder Minijupe waren damals besonders in. Es dauerte nur wenige Wochen bis der neueste Trend aus Paris in Teheran angekommen war.“

Shabnam wurde 1955 in eine Gesellschaft geboren, die sich im Aufbruch befand. Schah Mohammed Reza Pahlavi orientierte sich stark am Westen und setzte maßgebende Veränderungen durch. Frauen erhielten 1963 das Wahlrecht, wurden erstmals in öffentlichen Ämtern eingesetzt, konnten etwa studieren und alleine reisen. Binnen weniger Jahre wurde der Iran zum Industriestaat. Schiitische Geistliche wandten sich aber gegen die sozialen Reformen. „Natürlich gab es damals Konservative. Die Religion spielte aber keine Rolle im öffentlichen Leben. Sobald du aus dem Haus gingst, war die Religion egal. Die Frauenzeitschriften, die inhaltlich westlich orientiert waren, waren aber ein Dorn im Auge der Konservativen.“

Westliche Popkultur, die in Magazinen wie Banuvan (Frauen) oder Zane Rooz (Frau von heute) vorkam, war kein Fremdkörper für die damaligen Iranerinnen. Shabnams Schwester selbst war Schauspielerin und synchronisierte ausländische Filme. „Wenn du wolltest, konntest du ins Theater, Kino, politische Kabarett oder in Discotheken gehen. Zuhause empfingen wir amerikanisches TV und bekamen etwa die Studentenrevolten oder die Anti-Kriegs-Demonstrationen mit. Wir tranken auch Whiskey, das war ganz normal. Das wichtigste war aber, dass wir keine Angst haben mussten. Die Sicherheit war soweit gegeben, dass man als Frau alleine durch die Straßen gehen konnte. Heute ist das undenkbar“, erinnert sich Shabnam.

“Alles, was erkämpft wurde, war sofort wieder weg.”

Binnen kurzer Zeit schlug die liberale Stimmung aber um. Nach der islamischen Revolution 1979 dauerte es nur wenige Jahre, bis Schrecken und Unterdrückung den Alltag prägten. Das Regime unter Ayatollah Khomeini verfolgte eine antiwestliche Linie. Ein Schlüsselerlebnis hatte Shabnam 1984 an dem Tag, an dem sie ihrer Tochter Kleidung für den ersten Schultag kaufen wollte. „Damals mussten die Frauen schon verhüllt sein, ich trug also Kopftuch und lange Kleidung. Allerdings hatte ich Sandalen an und meine Zehen schauten vorne raus. Die Verkäuferin ließ mich nicht in das Geschäft bis ich mir Strümpfe übergezogen hatte. Und das bei über 40 Grad. Alles, was erkämpft wurde, war sofort wieder weg.“

Nooshin verließ mit ihrer Mutter im Alter von sieben Jahren den Iran. Die zurückgebliebene Verwandtschaft sieht sie zusehends dem Materialismus verfallen. „Es zählt nur mehr das Geld. Du brauchst es um andere zu schmieren und um deinen Status zu zeigen.“ Trotzdem will sie  wieder für längere Zeit zurückkehren, um die Verbundenheit zur Heimat nicht zu verlieren. Ihre Verwandten aber raten ihr jedes Jahr, die Reise zu verschieben. Es sei zu gefährlich, meinen sie. Iraner mit Kontakten ins Ausland haben tatsächlich Verhaftungen zu befürchten. Amnesty International berichtet von verstärkter Unterdrückung der Opposition, insbesondere wird hart gegen Frauenrechtlerinnen vorgegangen. So wurde 2011 etwa Fereshteh Shirazi festgenommen oder die Bloggerin Somayeh Tohidlou wegen Präsidentenbeleidigung zu 50 Peitschenhieben verurteilt. Frauenmagazine im Stil der 70er Jahre gibt es heute nicht mehr, der Iran liegt auf Platz 175 auf der Rangliste der Pressefreiheit (Bericht 2011 und gehört somit zu den reppresivsten Staaten weltweit. Oppositionelle Facebook-Gruppen und –Pages oder die Seite „Old Iranian Magazine Covers“ sind kleine Versuche zumindest auf die Missstände aufmerksam zu machen.

*Namen von der Redaktion geändert.

Claes Oldenburg: Foodporn at its artiest

Nachdem ich mir gestern die Oldenburg-Ausstellung im mumok zu Gemüte geführt habe, hier eine kleine Ode an den Künstler, den ich hiermit in die Schublade des Foodpornisten einordne.

Hach, als Claes Oldenburg mit seiner Pop Art berühmt wurde, konnte er noch nicht wissen, dass in ein paar Jahrzehnten Millionen User nichts Besseres zu tun haben als Fotos von dem, was sie essen, in sozialen Netzwerken zu posten. Dass unser täglich Brot aber eine noch extremere kulturelle Überhöhung als in den Sechzigern erfahren wird, muss er geahnt haben: Nicht umsonst nahm er sich in seiner Kunst der Zelebrierung von (Fast) Food an und führte die Ästhetisierung von Essen – wie es auch extrem in amerikanischer Werbung stattfand – ad absurdum.

Hier zum Vergleich Originale und Kunstobjekte, wer erkennt den Unterschied?

Noch mehr Fotos und Infos zur Aussstellung gibt es übrigens bei The Gap.

Netzroman: Kreative in den Klauen der Industrie

Veröffentlicht auf KURIER.at am 19.3.2012.

Warum eine permanent kommunizierende Gesellschaft die Politik auf den Kopf stellen wird, erzählt der Politiker Michel Reimon in “Incommunicado”.

Was für ein Timing: Dass das Thema Urheberrecht die Massen beschäftigen würde, hätte vor ein paar Jahren wohl kaum jemand gedacht. Michel Reimon traf aber genau ins Schwarze und begann an einem Roman zur Thematik arbeiten. Jetzt, wo die Bürger wegen ACTA auf die Straße gehen und die Zeit mit “Ist das Urheberrecht die neue Atomkraft”titelt, wird sein Buch veröffentlicht. Dabei war er bereits 2009 fertig – der Roman über eine kleine Band, die in einen Rechtsstreit mit einem großen Konzern gerät, erzählt Reimon im Gespräch mit KURIER.

David gegen Goliath, Kreativität gegen die Klauen der Industrie, die sich in digitalen Zeiten nicht mehr anders zu helfen weiß als wie wild um sich herumzuklagen. Doch dann machte Reimon einen Fehler, zumindest was die Vermarktung seines Buchs angeht: Er wurde Spitzenkandidat der Grünen bei der Landtagswahl im Burgenland 2010. Und somit für Verlage als Autor uninteressant. Bücher von aktiven Politikern verkaufen sich meistens schlecht, aber Romane von Politikern verkaufen sich gar nicht. “Überlegen Sie doch mal: Würden Sie einen Roman von einem Politiker kaufen?” sagte die Literaturagentin zu Michel Reimon.

Brauchen wir in Zukunft noch Verlage?

“Macht nichts”, dachte sich Reimon und entschied sich schlussendlich dazu, “Incommunicado” (nicht fähig, mit der Außenwelt zu kommunizieren), so der Titel des Werks, selbst zu veröffentlichen. Ohne Verlag, nur digital und auch noch gratis. Idealistischer Autoren-Selbstmord? Nicht unbedingt – ist Reimon doch einer der wenigen hierzulande, die online gut vernetzt sind und dadurch die Öffentlichkeit erreichen können. Ganz ohne Verlag als Multiplikator. Mit rund 5.000 Followers alleine auf Twitter und einem gut gewarteten Blog ist er im kleinen Österreich schon vorne mit dabei. “Ein Manuskript abzulehnen und in Schubladen vergilben zu lassen – das ist ein altes Konzept. Das hat keine Zukunft. [...] Ich will meine Arbeit diskutieren, mit möglichst vielen Menschen”, schreibt Reimon auf seinem Blog.

Eine absurde Handlung, die gar nicht so absurd ist

Worum geht es also genau in “Incommunicado”? Temporeich und unterhaltsam wird die Geschichte eines Musikjournalisten erzählt, der eine Band kennenlernt, die eine Schweigeminute im Repertoire hat. Gleichzeitig arbeitet die Musikindustrie gerade an einem neuen Geschäftsmodell: Nachdem mit dem Verkauf von Musik kein Geld mehr zu machen ist, sollen so viele Nutzungsrechte für Werke wie nur möglich gekauft werden um dann klagen zu können, wenn jemand anderer auf das Ursprungswerk verweist, eine zentrale Verwaltungsstelle für Coverversionen und Samples also. Im Buch heißt es: “Wir kassieren nicht mehr bei den Konsumenten, sondern bei den Bands. Wir werden uns nicht mehr damit aufhalten, die illegalen Downloads zu bekämpfen. Das ist ohnehin ein Guerillakrieg, für den wir viel zu schwerfällig sind.”Die Schweigeminute der Band im Roman wird also zum Klagsfall. Denn nach der Logik der Industrie verletzt die Schweigeminute die Rechte an der Vervielfältigung von John Cages “4’’33″ aus dem Jahr 1952. Im Stück des Experimentalmusikers Cage wird vier Minuten und 33 Sekunden lang kein einziger Ton abgespielt. Klingt absurd? So abwegig ist das gar nicht: Mike Batt wurde 2002 von John Cages Erben verklagt, weil er das Stück “One Minute Silence” veröffentlicht hatte. Am Ende stellte sich aber heraus, dass die Klage ein PR-Gag war um Batts Werk zu pushen. Ganz ähnlich geht es in “Incommunicado” zu: Die Band wird verklagt, wehrt sich und wird durch die Auflehnung gegen die bösen, großen Konzerne und ihre Forderung auf das “Recht auf Schweigen” so bekannt, dass ihnen eine eigene Bewegung folgt.

Phänomene wie die ACTA-Proteste zeigen, dass der Diskurs um Internet als öffentlicher Raum und Datenschutzbestimmungen kein Randthema mehr ist. Die Fronten sind so verhärtet, dass eine sinnvolle Diskussion zur Zeit kaum möglich ist: die einen wollen ein freies Internet und neue Geschäftsmodelle für die Industrie, die anderen sehen die Existenz einer riesigen Branche gefährdet. Wie so ein neues Geschäftsmodell aussehen könnte, wo die User es gewohnt sind, Filme, Musik, Bücher gratis downzuloaden, weiß allerdings auch noch niemand so wirklich. Höchstens Anbieter wie flattr sind kleine Schritte in eine neue Richtung. Erst am 9. März 2012 sorgte etwa die Band Deichkind in Deutschland für Aufsehen. Nachdem ihr Musikvideo zum Track “Leider geil” gesperrt wurde, posteten sie auf Facebook: “Sooo, “Leider geil” ist jetzt auch gesperrt. Ob Plattenfirma, Youtube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig..” Am 17. März hat dieses Posting 31.728 Likes, 3.834 Shares sowie 1.513 Kommentare – und das Video ist aufgrund der Proteste der Fans schon längst wieder zugänglich gemacht worden.

“Netzpolitik ist einer der größten politischen Umbruchbereiche der nächsten Jahrzehnte. Es ist mindestens so bedeutend wie damals das Aufkommen der Umweltpolitik. Deswegen habe ich mich auch im Roman diesem Thema gewidmet”, meint Reimon im Interview mit dem KURIER. “Wir als Gesellschaft müssen uns massiv überlegen, wie wir mit geistigem Eigentum in Zeiten der Vernetzung umgehen. Ich bin nicht dafür, dass alles gratis ist. Möglichst viele Kreative sollen von ihrer Arbeit leben können. Das Problem ist, dass wir uns auf einen anderen Extrempunkt zubewegen. Und damit beschäftigt sich mein Roman.”

Auf die Frage, warum er denn nicht ein Sachbuch dazu verfasst hat und stattdessen einen Roman geschrieben hat, sagt der Autor: “Ich habe am Anfang Einstiege in einzelne Artikel für ein Sachbuch zu dem Thema geschrieben – und sie waren die schlechtesten Texte, die ich je verfasst habe, wirklich erbärmlich schlecht. Nach dem Scheitern am Sachbuch kam mir die Idee, das als Roman anzugehen. Ich dachte mir, das ist eine einfache Form, ich habe keine Längenbegrenzungen und keinen Abgabgetermin. Außerdem kann man mit der unterhaltsamen Form des Romans die Informationen viel besser vermitteln. Ich habe versucht so viel Information unterzubringen wie nur möglich. ‚Incommunicado’ ist also bewusst ein halbes Sachbuch.”

Michel Reimon (40) war 2002 Pressesprecher der Initiative STOPP GATS und veröffentlichte sein erstes Buch “Days of Action”. Zusammen mit Christian Felber folgte 2003 das “Schwarzbuch Privatisierung. 2004 trat er den Grünen bei und wurde Pressesprecher des burgenländischen Landesverbandes. Seit Februar 2012 ist sein Roman “Incommunicado” (581 Seiten) auf reimon.net kostenlos ohne DRM downloadbar.

Wahl 2.0: Hat Russland im Netz gewählt?

Veröffentlicht auf KURIER.at am 7.3.2012.

Während sich die Opposition geschickt im Netz bewegt, hat Putin damit noch zu kämpfen.

Eine ältere Dame im dicken Pelzmantel liest auf ihrem iPad, ein paar Plätze weiter dreht ein Mann mit seinem Smartphone ein Video von einer Frau, die offensichtlich nicht ganz bei Sinnen die Nationalhymne kreischt. Und das schon seit drei Minuten. Eine andere Frau versucht all das zu ignorieren und vertieft sich in ihren Kindle. So geht es zu an einem ganz normalen Tag in der Moskauer Metro. Das Internet und die sozialen Netzwerke haben die Großstädte Russlands schon längst erreicht, und zwar mit einer Rasanz, die sonstige Anachronismen des Landes oft noch mehr hervorhebt. Die Waggons der Metro sind zwar alt, das kostenlose W-Lan für das gesamte Netzwerk der in den 30er-Jahren gebauten U-Bahn ist aber schon in Arbeit. “Wir brauchen ja sonst nichts Wichtigeres”, kommentiert der junge Moskauer Ildar ironisch das geplante Service für die Bürger.

Er selbst ist aber bei jeder Gelegenheit online. Die Wahlen zum Beispiel – erstmals per Webcams in allen Wahllokalen per Internet verfolgbar – wurden zum Online-Hit. “Ruf mich an, bevor du den Raum betrittst! Registriere dich am besten beim Mädchen in der Mitte, da sehe ich dich am besten”, befiehlt Ildar seinen Freunden, damit er einen Screenshot von ihnen beim Einwerfen des Wahlzettels in die Urne machen kann. Die Fotos werden sofort auf Facebook, Twitter oder dem speziell in Russland beliebten Netzwerk VKontakte gepostet – so wie die meisten anderen mehr oder weniger wichtigen Informationen aus seinem Leben auch. Dass die sozialen Netzwerke also auch als Informationsquelle und Austauschmöglichkeit vor der Wahl dienten, versteht sich von selbst.

Opposition im Netz

Ildar kennt sich im Netz aus.Bei der Web 2.0-Präsenz hat die Opposition die Nase vorn. Der Blogger Alexej Nawalny etwa, einer der Köpfe der Protestbewegung, nützt das Web effektiv für seine Ziele. Die kritische Moderatorin und Journalistin Xenia Sobtschak hat 380.000 Followers auf Twitter und Portale wie OpenSpace.ru, Slon.ru, LiveJournal.ru (das Medium Nawalnys) oder Snob.ru (im Besitz von Kandidat Prochorow) posten ihre Informationen wenn nötig im Minutentakt in den sozialen Netzwerken.

Die Oppositionsbewegung weiß auch mit der Produktion und Vereinnahmung von Memen umzugehen, Internet-Phänomenen, die sich von selbst weiterverbreiten: Ein Montage-Video, wo Putin hinter Gittern vor der Anklage zu sehen ist wurde etwa schon über fünf Millionen Mal gesehen. Wenige Minuten, nachdem Putin mit Tränen im Gesicht seine vorzeitige Siegesrede hielt, kursierte bereits ein Screenshot davon auf Facebook. Die Unterschrift des Bildes lautet “Moskau glaubt den Tränen nicht” – gleichzeitig der Titel eines sehr bekannten sowjetischen Filmes. Einen Tag danach war der Spruch schon auf den Protestplakaten zu sehen.

Brachland

Diese Dynamik haben die Anhänger von Putin noch nicht verstanden. Es wird vorrangig mit allen möglichen Mitteln versucht dem Austausch im Netz ein Bein zu stellen. So wurden einige der oben genannten Portale bei der Parlamentswahl im Dezember kurzfristig blockiert, auf Twitter war die Rede von Fake-Accounts, die wirre Informationen zu Demos posten und es gab einige Hacker-Angriffe auf Oppositionelle, um sie mit der Veröffentlichung prekärer Infos bloßzustellen. All das sind zwar kurzfristig effektive Möglichkeiten um etwas Unruhe zu stiften, zielt aber nur auf Unterbindung ab. Das Gegenteil davon, also die effektive Mobilisierung der Massen mithilfe des Internets generell und der sozialen Netzwerke im Speziellen ist noch Brachland in Russland.

Zwar tut sich wie oben beschrieben vor allem auf oppositioneller Seite schon einiges, gezielte und sehr große Aktionen speziell für die sozialen Netzwerke wie sie es beim Obama-Wahlkampf schon 2008 gab, waren noch nicht da. Wer in Russland dieses Potenzial in den nächsten Jahren nützt, wird es wesentlich leichter haben beim Spiel mit der Macht. Voraussetzung für das Machtspiel ist aber überhaupt das Zulassen der demokratischen Mechanismen der sozialen Netzwerke. Am Umgang Putins damit werden wir mitunter sehen, welche Richtung eingeschlagen wird.

Sound:Frame: Erst die Theorie, dann die Party

Am Donnerstag präsentierte das Sound:Frame Festival das Programm für 2012. Thema ist von 12.-22.4. das “Substructions” – Rahmenbedingungen.

Veröffentlicht auf KURIER.at am 2.3.2012.

Eva Fischer sattelte bei der Programmpräsentation für das “Festival for audiovisual expressions” das Pferd von hinten auf: Die Intendantin des Sound:Frame Festivals für audiovisuelle Kunst bedankte sich bei ihrem Team und stellte jeden einzelnen Mitarbeiter mit seiner Tätigkeit kurz vor. Nicht ohne Grund drehte sie die klassische Dramaturgie einer Pressekonferenz um: Bei der sechsten Ausgabe des Sound:Frame stehen nämlich der Unterbau, die Rahmenbedinungen, die “Substructions”, wie das Festival es selbst etwas sperrig benennt, im Zentrum. Das Thema habe sich ergeben, meint Eva Fischer, denn gerade dieses Jahr müssen viele Festivals mehr als sonst mit den Rahmenbedingungen auseinandersetzen, die ein Event überhaupt ermöglichen. Bei einigen kleineren Festivals ziehen Sponsoren ihre Gelder zurück, A1 hat etwa beim Crossing Europe Festival einen Rückzieher gemacht – und auch das Sound:Frame muss wegen ausfallender Unterstützungen kleiner werden. Statt fetten Locations wie der Ottakringer Brauerei und Party-Bim dorthin weicht man in den kleinen Morrison Club, ins Fluc, oder ins Brutaus.

Programm: Mehr Theorie, weniger Party

Inhaltlich teilt sich das Festival auf die Schwerpunkte Ausstellung, Konferenz und Live-Programmierung auf. Neu ist dieses Jahr die Ausstellungslocation MAK, die durch den jahrelangen Sound:Frame-Unterstützer und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein zustande kam.

Zeit für das fröhliche Namedropping: Von 12.-29.4. zeigen im MAK die Künstler Robert Henke aka Monolake, Herman Kolgen, Tarik Barri, Rainer Kohlberger, depart, Jan Jelinek und Karl Kliem ihre neuesten Auseinandersetzungen mit Visuals. Dazu erscheint ein Katalog, in dem auch Textbeiträge rund um das Thema Nachhaltigkeit Platz finden. Als Inhaltsspender konnten unter anderen Thomas Weber vom Biorama Magazin und Christian Höller von der springerin gewonnen werden – sie sind mit anderen Who-is-Whos der österreichischen Kulturszene auch bei den Vorträgen und Diskussionen, die während des Festivals stattfinden, mit dabei. Von den rund fünfzig Artists, die bis jetzt für das Live-Programm feststehen, gehören musikalisch John Talabot (Permanent Vacation, Young Turks/Barcelona), Taylor McFerrin (Brainfeeder/NYC) und ein Showcase des Boiler Room zu den Highlights. Auf der Visuals-Seite, die ja beim Sound:Frame im Zentrum steht, setzt man heuer stark auf heimische Artists: Strukt, ENSCHA, kon.txt, LWZ oder Bildwerk sind mit mit von der Partie, aus Berlin kommen Gezwinele les Günfiés und eyefatiguè.

Das Sound:Frame wird erwachsen

War das Sound:Frame vor ein paar Jahren noch ein Musikfestival, das die Visuals in den Vordergrund stellte, ist es jetzt ein Kunst- und Theoriefestival mit Partyline. “Das Festival ist mit uns erwachsen geworden.” bestätigt Fischer diesen Eindruck gegenüber dem KURIER. Zum Erwachsenwerden gehört eben leider auch die Auseinandersetzung mit diversen Problemen, in diesem Fall sind es die erschwerten Rahmenbedingungen für Festivals mit Mut zur Nische. Anstatt sie auf Wiener Art niederzunörgeln, wird der Unterbau samt Problemen aufs Podest geholt und zur Rede gestellt. Gut so – und für die gute Party muss dann nach ernsten Diskussionen eben noch härter gearbeitet werden.

 

Interview: Star-Agentin über den Oscar-Rummel

Im März 2011 besuchte ich Verwandte in Aspen, Colorado. Wir Österreicher sind in Sachen Promi-Skiorte ja einiges gewöhnt, Aspen kann das aber noch toppen. Im Kitzbühel Amerikas läuft kaum jemand auf der Straße herum, der nicht eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen hätte. Eine der vielen Personen, die ich dort kurz kennenlernen durfte, war Martha Luttrell. Zwischen Kaffeehaus und Bookshop wurden wir einander vorgestellt und wechselten ein paar Worte, erst dann erfuhr ich, dass sie quasi mit ganz Hollywood auf Du und Du ist: In der Mailingliste von Martha zu landen kann schon kurios sein, da ist man dann in CC mit Tom Cruise und Co. Als dieses Jahr die Oscars näher kamen erinnerte ich mich an das kurze Treffen und kontaktierte Martha, die als Schauspiel-Agentin für ihre Stars beim Oscar Stammgast war. Kaum fiel das Schlagwort plauderte sie fröhlich aus dem Nähkästchen:

Veröffentlicht auf KURIER.at am 24.2.2012.

Martha Luttrell war als Agentin von Stars wie Susan Sarandon Stammgast bei den Oscars. KURIER hat sie einige Andekdoten erzählt.

KURIER: Verfolgen Sie die Oscar-Verleihung noch, jetzt wo Sie in Pension sind?

Martha Luttrell: Ja, ich bin aber sehr froh, dass ich den Rummel von der Couch aus im TV sehen kann und nicht mehr dabei sein muss. Ich war immerhin 36 Jahre lang im Business, das war genug. Früher haben wir die Verleihung mit in paar Freunden auch manchmal bei Housepartys angeschaut, die hatten es aber in sich (lacht).

Sie wussten sicher zu feiern …

Natürlich, dort wurden sogar Ehen begründet. Einmal war Billie Friedkin (Filmemacher, bekannt für “Der Exorzist”, “The French Connenction” oder heute auch mitwirkend bei “C.S.I. – Den Tätern auf der Spur, Anm. d. Red.) mit einer Sherry Lansing, jahrelang Präsidentin von Paramount Pictures und eine Freundin von mir, dort. Sie kannten sich erst ganz kurz. Drei Monate später haben sie geheiratet und sind es noch bis heute zusammen, und zwar glücklich. Billie ist übrigens gerade in Wien, weil er in Wien die Oper “Les contes d`Hoffmann” inszeniert, die sollten Sie sich alle anschauen. Premiere ist am 19. März im Theater an der Wien.

Wie hat der Oscar die Karrieren ihrer Klienten Susan Sarandon (Oscar 1995, nominiert 1984), Stephen Rea (nominiert 1993), oder Judy Davis (nominiert 1984 und 1992) beeinflusst?

Falls das eine Anspielung auf den sogenannten “Oscar-Fluch” sein soll – daran glaube ich nicht. Die Auszeichnung ist für jeden Schauspieler sehr wichtig, obwohl das Tamtam für die meisten eine große Belastung ist.

Inwiefern?

Es sind verständlicherweise alle extrem nervös. Dann sagt auch noch jeder dem Nominierten, dass er “sicher gewinnen wird”. Bei dieser Aussage zog sich immer mein ganzer Magen zusammen. Wenn dann die Gewinner und Verlierer feststehen, gibt es nichts Besseres als gemeinsam mit den Gewinnern zu feiern. Die, die nicht gewonnen haben, bekommen dann eben ein paar Drinks mehr. Oft ist es auch hart, wenn zwar der Schauspieler einen Oscar bekommt für einen Film, nicht aber der Regisseur. Als Susan Sarandon zum Beispiel für “Dead Man Walking” den Oscar bekommen hat, ging ihr Partner Tim Robbins leer aus.

Was war für Sie der schönste Moment bei den Oscars?

Das war 1981, als Mary Steenburgen für ihre Rolle in “Melvin and Howard” nominiert war. Bei der Verleihung war sie bereits hochschwanger und auch höchst aufgeregt. Wir hatten schon Angst sie würde das Kind jeden Moment bekommen. Dann hat sie auch noch gewonnen. Alle haben sich so für sie gefreut, es war einmalig. Und das Baby kam zum Glück etwas später.

Können Sie sich noch an ein kurioses Ereignis bei den Oscars erinnern?

Da gibt es einige. Recht amüsant war der Moment, als ich mit Judy Davis in der Limousine am Weg zur Verleihung war. Judy hat versehentlich Wasser auf ihr Armani-Kleid geschüttet. So konnte sie natürlich nicht aus dem Auto aussteigen und den Red Carpet betreten. Und was sagt sie? “Was für ein Glück! Jetzt muss ich nicht zur Verleihung!” Judy Davis dachte ernsthaft, der Abend bleibt ihr erspart. Wir sind aber zuerst Backstage zur Outfit-Notversorgung gefahren und dann erneut beim Haupteingang aufgetreten. In den Limousinen am Weg zur Verleihung kann überhaupt noch ganz viel passieren: Als Susan Sarandon bereits das fünfte Mal nominiert war, gingen im Auto ihre Ohrringe kaputt. Aber dann gewann sie, also kein schlechtes Zeichen! (lacht)

Wie läuft der Voting-Prozess ab?

Ich bin zwar Mitglied der Academy, darf aber als Agentin nicht für die Oscars abstimmen. Wir haben jahrelang versucht, dass auch die sogenannten “Associate Members” der Academy abstimmen dürfen, immerhin haben wir einen interessanten Standpunkt zu vertreten. Es ist uns aber leider nicht gelungen. Ich bekomme aber immerhin alle Filme vorher zugeschickt.

Schauen Sie sich alle an?

Eigentlich schon. Es sind gar nicht so viele, und Dokumentationen sind nicht dabei. Sagen Sie den Leuten aber nicht, wo ich wohne (lacht). Wenn die falsche Person eine DVD, die an mich adressiert ist, in die Hand bekommt, könnte das schlimme Folgen für mich haben. Sie Filme sind nämlich alle gekennzeichnet und wenn einer davon im Internet landet … Sie können sich vorstellen, was dann passiert.

Die Biografie: ein American Dream

Die Oscar-Partys hatten es in sich: “Wir haben oft bis zum Morgengrauen gefeiert.”Martha Luttrell hat 36 Jahre lang als Agentin in Hollywood Stars wie Susan Sarandon und Steven Rea betreut. Den Oscar-Rummel kennt sie nur allzu gut. Als Martha Luttrell Anfang der Achtziger Jahre als Agentin in Hollywood anfing, war sie als Frau dort eine absolute Ausnahme.

“Für die Generation meiner Mutter gehörte es zur einzigen Aufgabe einer Frau, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein”, erinnert sie sich. Luttrell entschied sich aber für einen anderen Weg: Bereits mit 18 zog die Balletttänzerin von Vancouver nach Los Angeles um dort den American Dream zu leben: Den Anfang machte sie als Empfangsdame bei einem Plattenlabel, bald darauf landete sie als Assistentin bei Mike Nichols, der gerade an einem Film namens “Catch 22″ arbeitete: “Die Jahre mit Nichols waren mein Harvard” resümiert sie. Fünf Jahre, drei Filme und zwei Broadway-Produktionen später hatte Luttrell die Einflussreichsten Hollywoods und das Filmbusiness kennengelernt. Ein Bekannter schlug ihr schließlich vor, mit ihm gemeinsam eine Agentur aufzumachen. “Ich hielt das für keine besonders gute Idee. Ich mochte Agenten nicht. Außerdem wirkte der Job auf mich weder passend für eine Frau noch interessant. Tatsächlich gab es damals fast gar keine Frauen, die als Agenten arbeiteten. Aber ich hab’s dann probiert und den Job lieben gelernt.”

Neues Buch: Was war der Hipster?

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 14.2.2012.

Es mehren sich die Nachrufe auf die Subkultur des Hipsters. Gab es ihn in Österreich überhaupt, wie sah er aus und ist er wirklich tot?

Trucker-Kapperl, weiße Socken von der Modekette American Apparel, Hornbrillen in Übergröße, enge Hosen, popkulturelle Referenzen an Peinlichkeiten aus den 80er Jahren am T-Shirt und vielleicht noch ein Schnauzer – so laufen einige junge Menschen in den Großstädten dieser Welt herum. Was auf den ersten Blick wie unglaublich geschmacklos gekleideter “White Trash” rüberkommt, sind die sogenannten Hipsters. Ideologisch wird es noch komplizierter – oder auch einfacher: denn der Hipster hat keine Meinung, ist sehr wandelbar – und hoch gebildet.

Kaum erklärt und schon vorbei?

Nun soll auch schon wieder das Ende des Hipsters gekommen sein. Denn spätestens wenn der Feuilleton darüber schreibt, sieht es für die Subkultur schlecht aus. Hierzulande fand etwa beim Falter ein Abgesang auf den Hipster statt, das Magazin The Gap schrieb einen Nachruf – unter anderem als Reaktion auf das Anfang des Jahres im renommierten Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erschienenen Buch “Hipster. Eine transatlantische Diskussion”. Der New Yorker Mark Greif von n+1 versammelt darin als Herausgebe mehrere Experten, um sich dem Wesen des Hipsters sozialwissenschaftlich zu nähern. Nach der Lektüre ist klar, dass der Hipster keine klar definierten Grenzen hat, es aber doch ein paar wichtige Wesenszüge gibt, die an ihm festzumachen sind: Unpolitisch, hedonistisch und konsumorientiert wandelt er durch die Online-Stores dieser Welt und überlegt sich, welche ironische Geste er mit seinem neuen T-Shirt anstreben könnte.

Wie sieht es nun in Österreich aus? Jonas Vogt, Redakteur bei The Gap und gelegentlich beim Hipster-Leitmedium Vice tätig, sieht das Hipstertum als Phänomen der Nuller-Jahre, das als abgeschlossen betrachtet werden kann. “Der Hipster als geschlossenes Phänomen, also die stilistische Oberfläche mit Schnauzbart und Co. ist auch hier quasi tot. Was aber bleibt, ist das Aneignen von verschiedenen anderen popkulturellen Codes.” Das Internet begünstigte laut Vogt die Entstehung des Hipsters, trug aber auch zu seinem Niedergang bei: “Früher war es schwierig, Insiderwissen zu bekommen. Man musste bestimmte Leute fragen, wenn man wissen wollte, was angesagt ist. Durch das Internet wurde es für jeden leicht, neue Trends einfach zu googeln und die richtigen Orte zu finden. Andererseits findet aber auch das Einprügeln auf den Hipster im Internet statt.

Eine bemitleidenswerte Figur

“Hipster – Eine transatlantische Diskussion” erschien Anfang 2012 im Suhrkamp Verlag. Erhältlich um € 18 im Paperback, Kindle-Version um € 14.Auf die Frage, ob er sich selbst als Hipster bezeichnen würde, bestätigt Vogt eine Feststellung aus dem Buch von Mark Greif: “Es gibt niemanden, der sich selbst als Hipster bezeichnen würde, außer es ist an sich schon wieder eine ironische Aussage. Einerseits ist Hipster also eine Beleidigung, andererseits kann man diese Bezeichnung auch als Statement tragen. Hier sieht man auch ganz gut die postironische Falle, in die die meisten Hipster treten: Wenn alles ironisch ist, inklusive der Ironie, bleibt halt keine Aussage mehr übrig. So bleibt nur eine Oberfläche bestehend aus Mode-Statements. Insofern ist der Hipster durchaus eine bemitleidenswerte Figur, wobei wir aber infrage stellen müssen, ob es diesen Prototypen wirklich gibt.”

Ob tot, halbtot oder noch lebendig: Nachdem die zwei Jahre Abstand zu den Nuller-Jahren ein Resümee über den Hipster erlauben, bleibt die noch viel spannendere, noch unbeantwortete, Frage: Was kommt nach dem Hipster? Bis wir diese Erkenntnis erlangt haben, können Sie nach ein paar Überbleibseln suchen: Bei American Apparel in der Mariahilferstraße, manchmal in der Pratersauna oder auch bei einer der Vice-Partys – falls sie davon erfahren und auch reinkommen.

ETEPETETE zeigt nackte Haut

Da schaut man mal zur Abwechslung eine Ausstellung an und schon fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Fotografieren ist nicht nur eine Frage der Technik.

Die Geschichte geht so: ETEPETETE besucht nach einer Auflegenacht in der Postgarage das Atelier Jungwirth, wo der Schweizer Bruno Bisang, der schon Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Tyra Banks und und und fotografiert hat, seine Bilder zeigt. Wie zu erwarten gibt es dort viel Haut und wenig Kleidung zu sehen, und justament fällt Nanepetete Folgendes ein: Wir, ETEPETETE, die wir immer bedacht darauf sind, genug Kleidung am Leib zu tragen, lassen uns vor einem Aktfoto von Bruno Bisang ablichten, zeigen auf das Bild, posten es auf Facebook und schreiben dazu “ETEPETETE zeigt nackte Haut”. Meta eben.

Schritt 1: Wir fragen jemanden, der mit dem iPhone ein Foto macht. Der nächstbeste Ausstellungsbesucher ist auch so nett und bringt nach einer Minute DAS hier zustande:

Wir nehmen das hin, weil mit dem iPhone ja eh nichts anderes zu erwarten.

Schritt 2: Als wir fast schon wieder am Weg zum Ausgang sind, bemerken wir, dass Bruno Bisang himself auch vor Ort ist. Nun der Geistesblitz: Wie lässig wäre ein Meta-Foto von uns vor dem Foto, das auch noch der Starfotograf selbst macht? Ein paar Minuten stehen wir wieder vor dem Bild, mit Bruno Bisang als Fotograf. Ungefähr eine Minute lang nehmen wir alle möglichen Befehle bezüglich Haltung, Blick, etc. von ihm entgegen und er schießt (das erste Mal in seinem Leben ein iPhone in der Hand habend) dieses Foto.

(c) Bruno Bisang

Man werfe nochmal einen Blick auf Version 1.

Obama sagt, was Sie wollen

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 3.2.2012

Mit Versatzstücken einer Obama-Rede lässt Grazer auf interaktiver Website beliebig neue Reden erstellen.

aben Sie Staatstragendes zu verkünden? Obama persönlich wird es für Sie erledigen. Dafür müssen die User einfach nur auf Speechmix.com ihre gewünschten Satzteile auswählen und fertig ist die personalisierte Präsidenten-Rede.

Bald Faymann im Remix?

Für Speechmix hat sich Max Min zwei Wochen lang an den Computer gesetzt. Der 33-jährige Grazer ist Musiker. Kein Zufall also, dass er sich bei seinem Projekt “Speechmix” der Methode des Mixens bedient. Die Website ist seit Ende 2011 online und befindet sich noch in der Beta-Phase. “Es gibt momentan ca. 60 Speechmixes der Obama-Rede. Ich werde aber im Laufe der Zeit weitere Reden hinzufügen. Die User können sich dann also aussuchen, welche Rede sie remixen. Ich freu’ mich schon darauf, zum Beispiel einen Werner Faymann zu mixen.” verrät Max Min.

Webprojekte zwischen Schmäh, Kunst und politischem Aktionismus

Aktionen wie die von Max Min sind Beispiele für eine neue Ausdrucksform, die durch die Möglichkeiten des Internets und Social Media entstanden sind: Mit ein bisschen Übung kann jeder kleine Webprojekte umsetzen und diese dann über die sozialen Netzwerke verbreiten. Wenn das Ganze sich auch noch humorvoll mit aktuellen Geschehnissen auseinandersetzt, können sich derartige Aktionen zum virtuellen Selbstläufer entwickeln. Die meisten Internet-Hypes kommen aus dem US-amerikanischen Raum, wir dürfen gespannt sein, ob mit den Politiker-Videos von Max Min vielleicht ein Trend in Österreich seinen Ausgang nimmt.

Kampagnen 2.0: Wie mobilisieren?

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 31.1.2012

Thomas Gensemer, Obamas Online-Kampagne-Chef, ließ beim Campaigning Summit in seine Trickkiste blicken.

ie schaffte es Obama bloß im letzten Wahlkampf so viele Menschen für Politik zu begeistern und auch noch bedeutende Summen Geldes zu sammeln? Wie steht es um politische und nicht politische Kampagnen in Österreich und was kann hier verbessert werden? Beim Campaigning Summit in Wien, organisiert von Ex-ÖVP-Marketingleiter Philipp Maderthaner, widmeten sich die Vortragenden diesen und mehr Fragen: Mit dabei waren der Organisator selbst, Niko Alm (Laizismus-Kämpfer und Mikromischkonzern-Chef), Christoph Bieber (NRW School of Governance), Alexander Oswald (Head of Marketing CEE, Nokia) und Thomas Gensemer, das Mastermind der Online-Kampagne von Barack Obama.

Wie es aussieht, hat Österreich in Sachen Online-Campaigning gegenüber den USA noch sehr viel aufzuholen. In Amerika werden laut Maderthaner politische Anliegen anders transportiert, es werden ganz klare Botschaften vermittelt, was erreicht werden soll, und vor allem warum. “Was wir lernen können ist, dass dort Unterstützer und Wähler viel aktiver in Kampagnen miteingebunden werden. Und man beherrscht dort auch die große Kunst der Einfachheit, eine Reduktion auf das Wichtige. So ist es viel einfacher Bewegungen zu erzeugen und das Potenzial der Menschen zu nützen.” Was Social Media in Österreich betrifft, hat Maderthaner kritische Worte übrig. Es werde nicht so sehr die Frage gestellt, welchen Nutzen man erzeugen will, als auf welcher Plattform man sein will. “Wir haben das wunderbar beim Facebook-Auftritt von Werner Faymann gesehen. Ich denke die einzige Motivation warum er dort aktiv geworden ist, war es Print-PR zu gewinnen, nicht um mit den Usern zu interagieren.” resümiert der Organisator.

“Wir wissen, wer unsere Wähler sind.”

Interaktion ist Gensemer und seinem Team schon lange kein Fremdwort mehr. Sie sind mit ihrer Online-Kampagne, in der Social Media groß geschrieben wurde, wesentlich mitverantwortlich für den Sieg Obamas 2008. Die Zahlen sprechen für sich: Gensemer konnte mit der Kampagne 13,5 Millionen Unterstützer gewinnen und 500 Millionen Dollar sammeln. Dieses Jahr geht es in die nächste Runde: Während gerade Obama in seinen Reden die Wogen glätten und sich von der Parteipolitik verabschieden wollte, polarisiert der Präsident nach einem Jahr im Amt mehr als jeder andere zuvor. Zugleich hat er mit der Finanzkrise zu kämpfen, die auch dazu führte, dass die Amerikaner ihr Vertrauen in die Politik verloren haben. Und die Republikaner nennen den nach Harmonie strebenden Obama einen “Naivling”, “arroganten Sozialisten” und “Loser”. Wie Gensemer und sein Team der neuen Herausforderung begegnen, erzählte und der Kampagnenmanager selbst:

KURIER: Was hat sich seit der letzten Wahl für Sie verändert? Was möchten Sie jetzt anders machen?

Thomas Gensemer: Die Politik hat sich verändert. Zum Einen sitzen wir jetzt im Weißen Haus und haben die Verantwortung, zum Anderen haben wir mit der Finanzkrise zu tun. Die Erwartungen der Leute da draußen sind also größer als 2008 und wir müssen sie wieder mit einbinden, wahrscheinlich auf eine direktere Art und Weise. Technisch gesehen müssen wir uns jetzt auf das große Wachstum von mobilen Endgeräten einstellen, insbesondere Smartphones. Es geht jetzt darum, “mobile” überall zu integrieren. Diese Dinge werden nach außen kaum wahrgenommen, sind aber ganz wichtig für uns, damit wir die Leute mit unseren regionalen Inhalten zielgruppengerecht erreichen. Es müssen also die Daten für alle Channels richtig aufbereitet werden. Außerdem sind Facebook und Twitter noch wichtiger geworden, auf Facebook haben wir zum Beispiel schon im April losgelegt mit der Kampagne. Der große Unterschied zwischen Europa und Amerika ist auch, dass wir wissen, wer unsere Wähler sind, wir haben viel mehr Daten zur Verfügung. Wenn sich die Wähler also online anmelden, können wir mit dieser Information sehr viel anfangen. Das macht das Targeting viel leichter und unsere Kampagne im Vergleich zu 2008 besser.

Wäre Ihnen Gingrich oder Romney lieber als Gegner und inwiefern würden sie ihre Strategie je nach Opponent adaptieren?

Wir haben keinen Wunschgegner. Es macht Spaß sich den Rummel von der anderen Seite anzusehen, und unsere Kampagne ist für alle Eventualitäten gerüstet. Egal wer unser Gegner sein wird, es wird eine knappe Wahl. Im Grunde geht es darum die Leute wieder zu mobilisieren, die uns letztes Mal zum Sieg verholfen haben. Der Präsident ist mit Sicherheit in einer anderen Position als vor ein paar Jahren, was Vor- und Nachteile mit sich bringt, wir wollen auf jeden Fall eine intelligente Debatte mit den anderen und sorgen gerade dafür, dass eine gewisse Basismobilisation stattfindet, um für den Wahlkampf gerüstet zu sein. Jedenfalls wäre es dumm von uns unsere Gegner zu unterschätzen, denn auch sie haben sehr gute Kampagnen.

Wie gehen Sie mit Kritik im Wahlkampf, insbesondere in Social Media um?

Wir setzen hier stark auf das Potenzial unserer Unterstützer da draußen. Wird zum Beispiel falsche Information über Obama im Netz gepostet, sehen das oft die Supporter zuerst und reagieren darauf. Es gibt auch eigene Taskforces, die darauf spezialisiert sind, sich um diese Dinge zu kümmern. Das sind Freiwillige, die sich melden.

Ein User auf Twitter fragt, ob Sie bei dieser Kampagne wieder mit Shepard Fairey arbeiten? (Anm. d. Red.: Künstler, von dem das berühmte “HOPE” Plakat von Obama im letzten Wahlkampf stammt.)

Das weiß ich leider nicht.

Wie wird Twitter bei diesem Wahlkampf eingesetzt und wie werden die Accounts betreut?

Dieses Mal ist es etwas anders, weil sowohl Inhalte von Mitarbeitern aus dem Weißen Haus gepostet werden als auch Inhalte zur Kampagne. Barack Obama twittert ab und zu selbst, Michelle Obama hat auch gerade einen Account gestartet. Es gibt auf jeden Fall große Teams, die sich um die Inhalte der Accounts kümmern.

Wiener Szene-Club Roxy sperrt zu

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 18.1.2012

Nischenevents im Untergrund: Dafür war das Roxy jahrelang eine der wichtigsten Adressen in Wien. Bald gibt es die letzte Party.

“Liebe Gäste, Freunde, Veranstalter, eine Ära geht zu Ende! Leider müssen wir Euch mitteilen, dass der Club Roxy mit Ende-März zugesperrt wird! Wir möchten uns bei allen treuen Gästen bedanken und hoffen Euch bis 31.3.2012 im Club nochmal begrüssen zu dürfen! feiert mit uns ein letztes mal im legendären ROXY! Wünschen Euch alles gute und bis bald! Euer Roxy-Team”. Mit diesen Worten gab der kleine Club in der Operngasse 24 sein Ende bekannt.

Gerade wird die Wiener Clubszene für ihre Vielfältigkeit gerühmt, in den letzten Jahren hat sich mit Pratersauna, Market, Werk, Grelle Forelle und wie sie alle heißen viel getan. Vielleicht sogar zu viel. Das gut gelegene Roxy mit seinem Schmuddel-Flair öffnet jedenfalls bald zum letzten Mal die Türen für eine Party.

Was ging ab?

Hier war Platz für Nischen-Events aller Art. Das Message-Magazin zum Beispiel lud gerne ins Roxy für die eine oder andere Hip-Hop-Nacht, oder auch das Vice schaute mit Leser-Entourage ein paar Mal vorbei. Wenn man spätnachts heil die steilen Stufen hinabgestiegen ist erwarteten ein enger, verrauchter, ein bisschen versiffter Raum mit viel Platz für die Bar, Spiegeln und Fell – die perfekte Mischung für eine Fortgehnacht, die etwas länger dauert. Daniel Shaked von The Message resümiert auf KURIER-Anfrage: “Wir haben legendäre Partys gefeiert im Roxy und sind nun seid über zehn Jahren regelmäßig dort. Es ist sehr tragisch, dass es zumacht, vor allem auch, weil es eines der letzten Lokale war, das in dieser Größenordnung funktioniert hat.”

Die Nachfrage nach etwas Abwechslung im Nachtleben bringt das Kommen und Gehen der Clubs eben mit sich. Roxy, es war uns eine Ehre – wir hoffen, dass Wien uns würdige Nachfolger liefert.

TV-Diskussionen ohne Putin

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 12.1.2012

Alle Kandidaten diskutieren im TV – nur Putin nicht. Die Opposition nennt den Premierminister einen Feigling.

Wie der Kommersant am Donnerstag berichtet, gab der Pressesprecher von Putin bekannt, dass der Kandidat für die Präsidentschaftswahl mit seinen Aufgaben als Premierminister zu beschäftigt sei, um an den TV-Debatten vor der Wahl am 4. März persönlich teilzunehmen. Stattdessen werden aber Vertreter geschickt und die Sendezeit, die dem Kandidaten zur Verfügung steht, auf jeden Fall genützt um das Wahlprogramm zu vermitteln.

Die politischen Gegner Putins zeigen sich gar nicht begeistert davon. Die Absage bei den TV-Diskussionen interpretieren sie als Unfähigkeit auf Kritik zu reagieren und vor allem als Geringschätzung am Dialog. “Würde Sarkozy das gleiche tun, wäre er längst kein Politiker mehr,” meint etwa Gennadij Gudkov von der Partei Gerechtes Russland dem Kommersant gegenüber.

Indes nimmt die Kritik an Putin nicht ab. Nachdem bereits Zehntausende auf den Straßen demonstriert haben um ihren Unmut über die vermutete Wahlfälschung bei den Parlamentswahlen im Dezember 2011 zu zeigen, sind weitere Proteste am 4. Februar geplant.

“Strenge” Westbahn ärgert Facebook-User

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 20.12.2011

Aufregung durch harsch formulierte Facebook-Suche nach Täter, der Zug mit Graffiti beschmiert haben soll.

Graffiti auf der WESTbahn! Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, ist eine Belohnung in der Höhe von 5.000 Euro ausgesetzt. Gestern zwischen 20.45 und 21.00Uhr in Salzburg hat jemand einen großen Fehler begangen. Er hat die WESTbahn beschädigt. Das Graffiti wurde so schnell wie möglich entfernt. Es zahlt sich also nicht aus. Hinweise nimmt die Polizeidienststelle am Hauptbahnhof in Salzburg und die WESTbahn entgegen!” Dieses Posting der Westbahn löste am Dienstag Vormittag eine heftige Diskussion unter Facebook-Usern aus:

Während die einen die Westbahn unterstützen finden andere die Reaktion des Schienen-Neulings übertrieben. Der User Roland B. Seper etwa rügt die Westbahn für ihre “Law & Order-Kampfrhetorik”, der Poster Hans Christian Voigt wiederum sieht im Graffiti am Zug keine Beschädigung.

Geschäftsführer Stefan Wehinger reagierte schnell auf die Kritik: “Ich verstehe keinen Spass in diesem Zusammenhang und wir werden NULL Toleranz nach Ergreifung der Täter einräumen.” Dieses Statement rief nur noch mehr Postings hervor. Schließlich führte ein weiteres Kommentar von Wehinger zu noch mehr Aufruhr. Wehinger schrieb als Antwort auf einen Vorwurf an die Westbahn, dass ein Zug ein Signal überfahren habe: “Sie haben bis 18:00 Zeit diese unrichtigen Anschuldigungen im Sinne einer strafrechtlichen Kreditschädigung zurück zu nehmen. Danach erfolgt die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft auf Basis dieses Strafttatbestandes.”

Kommunikation 2.0

Kritisiert wird von vielen Usern auch, dass die Westbahn, insbesondere Wehinger, viel zu harsch mit den “Fans” umgehe. Bestraft wird die Westbahn mit einem sogenannten “Shitstorm”, einer großen Anhäufung an Kritik auf Facebook, die sich schnell weiterverbreitet. Wie sich die Diskussion weiterentwickelt, wird sich zeigen. Ein Shitstorm muss für ein Unternehmen aber nicht unbedingt ein großer Schaden sein, in manchen Fällen gewinnt die Page sogar zusätzliche Facebook-Fans.

Manfred Mader, der Social Media Manager für die Westbahn, gibt sich gelassen, was die Diskussion betrifft: “Wir haben auf Facebook berichtet dass ein Zug verschmiert wurde, haben unsern Unmut geäußert und eine Belohnung für zweckdienliche Hinweise versprochen. Manche fanden die Vorgehensweise gut andere nicht.”

Juke: Neues Musik-Streaming-Service

Autorin: Lisa Stadler, erschienen auf KURIER.at am 20.12.2011

Der KURIER hat sich das im Dezember gestartete Musik-Streaming Portal Juke im Vergleich mit Rara und Spotify genauer angesehen.

Derzeit sprießen die `Streaming Services` ja wie Schwammerl aus dem Boden”, bringt es Walter Gröbchen, österreichischer Musikindustrieauskenner und Labelbetreiber, auf den Punkt. Gerade erst probieren die österreichischen Facebook-Nutzer Spotify aus, schon gibt es noch mehr Angebote: Juke, ein deutsches Unternehmen mit mehrheitlicher Beteiligung der Media-Saturn-Unternehmensgruppe, ist noch sehr frisch am Markt, Rara.com ist ein weiteres ähnliches Portal. Zeit für einen Überblick mit einem neugierigen Fokus auf das noch unbekannte Juke.

Bin ich schon drin?

Der Einstieg ist leicht: 14 Tage lang kann Juke gratis getestet werden, danach kostet der Spaß 9,99 Euro im Monat. Dafür werden dem Hörer rund 12 Millionen Songs geboten, die entweder am PC im Browser oder am Handy gestreamt werden können oder aber auch im Offline-Modus aus der privat erstellten Mediathek abgespielt werden können. Im Gegensatz zu Spotify braucht man bei Juke keinen Facebook-Account für die Anmeldung. Juke ist komplett werbefrei. Preislich liegt Juke somit gleichauf mit der Premium-Version von Spotify und Rara, die auch 9,99 Euro pro Monat kosten.

Die Basics: Hausaufgaben erledigt

Was kann Juke nun eigentlich? Die Klassiker wie Suche und Playlists-Erstellen funktionieren einwandfrei, sowohl am Smartphone als auch am PC. Zudem wird zwischen Mobile App und Browser-Version problemlos synchronisiert. Einzig die Puffer-Zeit, bis ein Track abgespielt wird, lässt den Musikhungrigen ungeduldig werden. Was die Benutzungs-Qualität angeht, ist Juke selbsterklärend, auch das Design sieht nett aus. Der Marketingleiter von Juke, Tobias Brinkhorst bestätigt den ersten Eindruck: “Jetzt in der Startphase konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Einfachheit in der Bedienung ist uns sehr wichtig.”

Rara hingegen entpuppt sich hinsichtlich Bedienerfreundlichkeit als herbe Enttäuschung: Das Design ist abschreckend hässlich und die Benutzung wenig intuitiv. Außerdem hat es Rara geschafft, auch sprachlich daneben zu greifen. Beim Sharen auf Facebook sagt einem das Service “Zeige auf Facebook”, oder die User können ihren Launen entsprechend Musik hören, wie etwa mit der Liste “Mir geht’s prima!”.

Empfehlungen von anderen Usern fehlen bei Juke zur Zeit noch, was wohl daran liegt, dass es kurz nach dem Start noch nicht genug Userdaten gibt. Daran wird aber gearbeitet, so Brinkhorst.

Reichen ein paar Millionen Songs?

Auch der Suche nach Interpreten abseits des Mainstream bleibt Rara hinter Spotify und Juke zurück: Will man zum Beispiel Dirty Doering hören, spucken Juke und Spotify 21 Tracks aus, Rara nur zwei. Bei einem Angebot von 13 Millionen Songs stellt sich aber wahrscheinlich nur für wenige das Problem, dass das Angebot zu gering ist.

Wer nicht weiß, was er hören will, kann sich bei den Juke Charts bedienen, die musikalisch im Kronehit-Style daherkommen, oder auch in eines der Mixtapes zu verschiedenen Themen reinhören. Die Liste “Oh du abstruse Weihnacht” macht zumindest neugierig.

Einsames Musikhören

Anders als bei Spotify fällt die Anbindung an soziale Netzwerke noch spartanisch aus. Einzelne Tracks können bei Juke gar nicht gepostet werden, Rara bietet nur die Sharing-Möglichkeit für Facebook an, nicht aber für Twitter. Brinkhorst teilt uns aber mit, auch hier noch aufholen zu wollen: “Wir werden die Sharing-Funktionen auf jeden Fall ausbauen. Dass man bei Juke aber keinen Facebook-Account braucht, ist ein Vorteil.”

Resümee: genug Platz für alle Services?

Während Rara unter ferner Liefen liegt, erfüllt Juke zumindest die Basisanforderungen für den Streaming-Musikgenuss. Mit einem Überangebot an Musikkonsum-Möglichkeiten im Netz hat es das neue Service aber sicher nicht leicht. Einerseits machen sich größere Kollegen wie Spotify bereits breit, Nischenprodukte wie Soundcloud oder die Mix-Streaming-Portale Mixcloud und Play.fm haben sich bei Special Interest Gruppen etabliert.

“Dass gerade so viele Anbieter auf den Musikstreaming-Zug aufspringen, zeigt, dass hier viel Potenzial liegt. Ich sehe das positiv und denke, dass es dann einfach ein paar Portale nebeneinander gibt.” meint Tobias Brinkhorst. Juke ist sicher etwas für Facebook-Abstinenzler und Normalverbraucher an Musik, die auch bereit sind für ihren Konsum Geld auszugeben. Walter Gröbchen wartet mit seinem Label nüchtern auf das Ergebnis vom nächsten Jahr: “Dass die MusikerInnen von monkey dort mal vertreten sind, ist grundsätzlich gut. Im Detail werden wir uns dann die Abrechnungen 2012 anschauen.”

Russland: Wie eine Grazerin die Demos erlebt

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 12.12.2011

Nach den Parlamentswahlen letzte Woche gehen die Wogen in Russland hoch: Angelika Molk, eine Österreicherin, die in Moskau lebt, schilderte dem KURIER ihre Eindrücke von den aktuellen Geschehnissen. Eine Innenansicht.

KURIER: Sie sind am Samstag auch bei der großen Demonstration gewesen, bei der laut Angaben der Behörden 30.000, laut Demonstranten gar 100.000 Menschen waren. Hatten Sie eigentlich Angst, hinzugehen?

Angelika Molk: Ja, natürlich hat man vorher ein ungutes Gefühl, in den Medien wird viel über mögliche Ausschreitungen berichtet, und man weiß auch, dass die russische Polizei mit Demonstranten nicht gerade zimperlich umgeht. Vor der Demo kursierten diverse Gerüchte, unter anderem wurde behauptet, dass eine spezielle tschetschenische Kampfeinheit bereitgestellt sei. Studenten wurden auf der Universität gewarnt, sich nicht auf der Demo blicken zu lassen, in den Schulen wurde am Freitag überraschend ein verpflichtender Test für die Zeit des Meetings angesetzt. Ärzte warnten öffentlich davor, am Samstag zum Meeting (so wird die Demonstration in Russland genannt, Anm. d. Red.) zu gehen, da die Grippegefahr sehr hoch sei, ein Astrologe riet, am Samstag große Menschenmassen zu meiden.

Wie erlebten Sie die Demonstration?

Ich muss aber sagen, dass alles sehr ruhig, sehr friedlich und positiv verlaufen ist, auch die Polizei hat sich korrekt verhalten, obwohl über 50.000 Polizisten anwesend waren, haben sie sich zumeist abseits gehalten. Viele sind dem Aufruf der Organisatoren gefolgt und kamen mit Blumen, Ballons oder weißen Bändern, um zu zeigen, dass sie keine aggressive Konfrontation wollen. Verschiedene Losungen machten die Runde, viele sind mit Plakaten gekommen, auf denen mal ernste, mal weniger ernste Losungen zu lesen waren. Die beliebtesten und die am lautesten wiederholten: „Russland ohne Putin“, und „gemeinsam sind wir unbesiegbar“.

Wer hat Demonstriert?

Das für mich schöne an der Demonstration war, dass Leute aus allen Gesellschaftsschichten gekommen sind. Anarchisten standen neben Monarchisten, Frauen im Pelzmantel neben Studenten und Pensionisten. Was sie alle vereinte war einfach die Unzufriedenheit mit den Wahlen und der Situation in Russland generell.

Bemerken Sie die Protestbewegung und deren Folgen seit letzter Woche auch im Alltag?

Bei der Demo sah man viele Menschen mit weißen Bändern, vor allem in der Nähe der Demo, aber auch bei Metrostationen. Ansonsten ist Moskau zu groß, um wirklich überall etwas von den Ereignissen mitzubekommen. Es ist aber definitiv mehr Polizei als sonst auf den Straßen, besonders bei strategisch wichtigen Punkten wie bei der Twerskaja (große Straße im Zentrum, anm. d. Red.), oder in der Nähe des roten Platzes.

In Russland gibt es ein „eigenes Facebook“, ein soziales Netzwerk namens „V Kontakte“ („im Kontakt“), wie wichtig ist die Rolle dieses und anderer Social Media Plattformen für die Protestbewegung? Sind hier Parallelen zu Protesten in anderen Ländern zu erkennen?

Die sozialen Netzwerke sind natürlich sehr wichtig, vor allem Facebook und V Kontakte zur Verbreitung der Informationen (über das Event, bzw. vorher über die Wahlfälschungen). Während der Demonstrationen hat es auch mehrere Live-Übertragungen gegeben, und viele der größeren Magazine haben die Ereignisse laufend kommentiert, auf Twitter, aber auch auf eigens dafür eingerichteten Bereichen auf den Homepages, auf snob.ru sieht man das zum Beispiel ganz gut, da können sich verschiedene Leute in den Stream einschalten, das ist einerseits natürlich informativ, andererseits auch sehr praktisch für die Teilnehmer selbst im Falle einer Eskalation oder ähnlichem. VKontakte ist in Russland generell noch populärer als Facebook, das wird aber weniger. Während der Wahlproteste hat sich gezeigt, dass sich VKontakte leichter regulieren/kontrollieren lässt als Facebook. Es waren einfach mehr Informationen auf Facebook zu finden.

In den letzten Tagen wurden immer wieder kritische Websites lahmgelegt. Weiß man, wer dahinter steckt und ist es nicht im Grunde eine recht wirkungslose Maßnahme, da alle Infos sowieso in den sozialen Netzwerken zu finden sind?

Die Leute greifen via Facebook meist auf die Links zu, es wird praktisch nichts auf Facebook selbst publiziert. Daher war das Sperren der Seiten zumindest ärgerlich, es hat aber in den letzten Tagen aufgehört. Es waren Hackerattacken, ich glaube aber nicht dass es dazu ein offizielles Bekenntnis gibt Dass das von Seiten der Machthabenden geschehen ist, ist natürlich reine Spekulation. Während der Demo waren viele Leute mit Smartphones unterwegs, es wurde viel fotografiert, gefilmt, getwittert, obwohl das Netz manchmal zusammengebrochen ist, einfach wegen der Menschenmasse.

Wie schätzen Sie persönlich die Wirkung der Proteste ein? Sind Vergleiche zu den Protesten in anderen Ländern wie „Occupy Wall Street“ oder gar zum arabischen Frühling gerechtfertigt?

Man hört oft das Wort Revolution, wenn von dem Meeting berichtet wird, und vergleicht die Demo beziehungsweise das Geschehen in Russland mit dem arabischen Frühling. Den meisten geht es denke ich aber gar nicht um eine Revolution, oder einen Umsturz des systems. Vielmehr ist diese Demo ein Zeichen dafür, dass das Land endlich aufwacht, dass eine politikverdrossene Gesellschaft beginnt, offen Kritik zu üben am System. Das Meeting ist keine Revolution, sondern zeigt, dass sich endlich eine Opposition entwickelt, dass auch junge Leute beginnen, sich für die Zukunft ihres Landes zu interessieren und nicht mehr alles als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Das Meeting ist das Zeichen dafür, dass die Leute aus ihrer inneren Emigration herauskommen. Und in dieser Hinsicht ist es nicht Zeichen einer Revolution, sondern für die Bildung einer intelligenten, starken Opposition und der erste Schritt zu einer tatsächlichen Demokratisierung des Landes.

Angelika Molk, 29, Slawistin, Doktorandin der HU-Berlin/RGGU Moskau. Sie lebt seit 2009 in Moskau.